untitled 27

von blutundkaffee

wir vereinbaren eine zeit, weit nach anbruch der dunkelheit. wir vereinbaren einen ort, der eine belebte straßenkreuzung ist, inmitten der altstadt. ich trage ein erkennungsmerkmal bei mir. eine gelbe lilie, einen blauen hut, eine weiße schleife am handgelenk, zwei unterschiedliche schuhe. ich weiß nicht, wie du aussiehst. ich erkenne dich nicht. ich halte nicht ausschau nach dir.

ich passiere die kreuzung, gehe die straße entlang. du folgst mir. du hältst abstand. beobachtest mich unauffällig, wenn ich kurz vor einem schaufenster stehenbleibe. versuchst, mich nicht aus den augen zu verlieren. ich gehe meinen weg, ohne mit sicherheit zu wissen, ob du wirklich da bist. ich drehe mich nicht um, obwohl die spannung beinahe unerträglich ist. manchmal habe ich das gefühl eines starren blickes auf meinem rücken, auf meiner schulter, auf meinen hüften, meinem po. du könntest viele meter entfernt gehen, oder auch nur zwei schritte hinter mir.

irgendwann verlasse ich die belebte straße und biege in eine seitengasse. es wird dunkler und stiller, hier ist fast niemand mehr. meine sinne sind aufs höchste maß gereizt. die pupillen weiten sich, gewöhnen sich an das schwache licht, meine haut ist elektrisiert, versucht die ladung einer beinahen berührung wahrzunehmen, verzweifelt unter dem druck der unvorhersehbarkeit. ich lausche, ich höre schritte. da geht jemand hinter mir. ist er erregt?

wir vereinbarten regeln. wir werden kein wort sprechen. wir vereinbarten eine begegnung, einen handlungsrahmen, einen takt.

ich biege in einen hauseingang, in eine dunkle stiege. der hall deiner schritte ist ganz nah. hier ich bleibe stehen.