untitled 49

von blutundkaffee

Er liebt schüchterne Mädchen.

Anfangs war ich schüchtern, ich konnte seinem Blick nicht standhalten. Er hat mich ergriffen und geführt. Er hat nichts verlangt, ich musste lediglich sein, in seinen Armen sein, über ihm sein und unter ihm.
Ich fühlte mich frei. Frei und losgelöst von Erwartung. Er brauchte nicht mehr als ein warmes, biegsames Gefäß, eine lebendige Sphäre, in die er einnehmen und verwalten konnte. Etwas, das nicht Ding und nicht Spielzeug war, etwas ohne Rätsel und Herausforderung. Ein schüchternes Mädchen, dessen Vertrauen er leicht gewinnen hatte können, gerade ausreichend, um die äußeren Schranken zu brechen. Ich ließ ihn schnell durch meine äußeren Schranken. Seine Gesten hatten Kraft und Bestimmtheit, kein Hauch einer Unsicherheit war an ihm, keine Furcht, und so brauchte auch ich keine Furcht zu haben.
Ich fühlte mich frei. Er war mir kein Mann, er war mir eine Begebenheit. Er war mir ein Terrain, das mir nicht gehörte, auf dem ich sein konnte, ohne bezahlen zu müssen. Er hat mich wortlos von der Leine gelassen, nachdem wir uns über das Verhältnis unserer Absichten geeinigt hatten. Ich atmete tief und lief leichtfüßig. Mein Blick wurde klar und kräftig. Bald schon war ich wie er, roh und wahrhaftig, furchtlos und gelassen. Ich ließ mich biegen und schaukeln, als wäre er der Wind an meinen Hängen. Ich grub meine Hände beherzt in seine Felder und nährte mich von seinen Früchten. Ohne es zu bemerken war ich ihm ebenbürtig geworden.

Er liebt schüchterne Mädchen. Und deshalb kann er nie lang bei einem Mädchen sein. Unwillkürlich macht er sie zu seinem Gegenpart, oder gar seiner gleich. Die Schüchternheit eines Mädchens – die Unschuld, die magische Zerbrechlichkeit hinter angstgetränkter Scheu – ist flüchtig. Und so wird auch er bald fliehen und mir das Terrain überlassen.