untitled 56

von blutundkaffee

Was ist: allein sein.
Allein sein heißt: ohne andere Menschen sein.

Ich weiß nicht, ob ich das alleine schaffe. In den Nächten bin ich wach. Die Nacht ist mir kein Bett mehr. Die Nacht hat keine Heimat mehr für mich. Seit ich allein bin, bevölkere ich die Nacht. Jemand muss die Nacht bevölkern, immer zumindest ein ganzer Mensch. Ein schlafender Mensch ist der Nacht nicht Bevölkerung genug. Ein schlafender Mensch hat für die Nacht bloß die Wertigkeit eines Halben, die andere Hälfte nimmt sich der Schlaf. Ich bin allein, so muss ich, wach, der Nacht mein ganzes Menschsein entgegenbringen.

Was ist Sehnsucht.
Sehnsucht ist ein Bedürfnis nach (einem Menschen, der) nicht man selbst (ist).

Ich weiß nicht, ob ich das alleine schaffe. Ein Mensch, der einen zweiten Menschen bei sich hat, kann schlafen. Zwei Hälften schlafen, zwei Hälften bevölkern die Nacht. Schulter an Schulter, Bein an Bein. Die Sehnsucht nach einem zweiten Menschen ist wie ein Urinstinkt. Gemeinsam in einem stillen Kampf um dunkles Territorium, um das eigene da-sein im Dunkeln. Ein Streithorizont der Wertigkeiten.

Ein zweiter Mensch in einer Nacht, ein Partner In Crime, ein Verbündeter. Das gemeinsame sich-auf-eine-Seite-schlagen, vielleicht ist das die magische Einheitsformung, von der immerzu die Rede ist. Aus Zweien, die zwei sind, wird Eins, nur wegen einer Grenze, die zu einem imaginären Gegenspieler verläuft. Plötzlich befinden sich zwei auf einer Seite des geteilten Terrains. Liegen in einem Bett, dessen Kanten die Grenzen zur Nacht bedeuten. Schlafen gemeinsam, zwei Hälften verschmolzen zu einem Ganzen, die beiden anderen Hälften bilden die zweite Truppe, die Einheit zur Bevölkerung der Nacht.

Die Sehnsucht nach einem anderen Menschen ist gleichzeitig das Bedürfnis nach Ruhe, nach Schlaf, nach Sicherheit. Gemeinsam kommt man mühelos durch den dunklen Wald, über ein schwarzes Feld, über einen Sterne spiegelnden See. Gemeinsam ist man genug, um eine Hälfte des eigenen Daseins in der Nachtlandschaft zurück zu lassen.

 

Was ist die Nacht?

( Aus ‚183 Tage‘. )