untitled 58

von blutundkaffee

Ich habe ihm mein Knie geopfert. Das war vor einem Monat.

Das Knie ist nun fast verheilt. Keine Narbe wird bleiben. Keine Spur. Und in einem Jahr werde ich mich an das geopferte Knie nicht mehr erinnern. An den Nichtschmerz, an das Halbdunkel, an zurückhaltendes Rufen, denn das Fenster neben dem Bett stand weit offen. Und an deine Hilflosigkeit unter mir, die mich Mitleid empfinden ließ. Ich weiß nicht, was du denkst. Ich weiß nicht, was du spürst. Ich weiß nicht, wie sehr ich dich verstöre. Du tust mir leid, weil du mir nicht erzählen kannst, was in dir vorgeht. Ich opfere dir mein Knie als Trost. Ich schlage mir eine tiefe Wunde an unserem Zusammenspiel, um dich zu erheitern. Du siehst nicht glücklich aus. Und ein Opfer, von dem du nichts weißt, was bedeutet das schon.

Eine Wunde, die verheilt, ist warm. Eine warme, feuchte Wunde, wie ein äußerlicher Uterus, ein ungeschütztes Areal, eine Öffnung, ein Tor zu mir. Würdest du einen Finger nur lang genug auf sie legen, sie würde ihn einspinnen und in sich versinken lassen, ihn anschließen an den Blutkreislauf, Nervenfasern an ihm wachsen lassen, drüberheilen, ohne Narbe. In Wahrheit würde mein Körper dich abstoßen, aber in meiner seltsamen, romantischen Vorstellung von Nähe würde ich dich mir einverleiben können.

Ich habe das wunde Knie gepflegt wie einen verletzten Vogel. Wenn ich dir gegenüber nicht liebevoll sein kann, dann zu aller mindest deiner Spur auf mir. Ich wünschte, eine Narbe würde bleiben, aber es bleibt nie eine Narbe. Ich verheile alle Erinnerungen aller Begebenheiten ins scheinbar Makellose. Erst über Jahre und Jahrzehnte hinweg zeigt sich eine schleichende Verformung, eine unmerklich vollzogene Verkrüppelung. Und auch das Verheilen geht irgendwann immer langsamer vonstatten, bis irgendwann gar nichts mehr funktioniert und ich als einzige große Wunde auf dem Boden liegenbleibe und die Erde mit Moos und Moder über mich drüberheilt.