untitled 59

von blutundkaffee

Stille und Dunkelheit.

Ich kann nicht mehr in der Dunkelheit schlafen. Ich ertrage Stille nicht. Seitdem die Anwesenheit des Hundes nicht mehr die Wohnung füllt, ist so viel Raum da, und die Leere nimmt ihn ein.
Ich ertrage die Leere nicht. Ich lasse den Fernseher 24 Stunden am Tag laufen. Damit ein Geräusch da ist, damit eine Bewegung da ist. Ich versuche, dem Programm zu folgen, um meine Gedanken zu beschäftigen, mit etwas, das leicht ist und belanglos. Sobald ich den Fernseher ausschalte, stürzt sich die Leere auf mich. Die Stille – so, wie ich sie bisher kannte, war sie nicht echt. Unvollkommen. Das Alleinsein war in Wirklichkeit auch eine Illusion. Es war stets ein Leben um mich, das nicht ich mein eigenes war. Ein Lebewesen, das auf mich angewiesen war. Das ich gepflegt und versorgt habe, auf das ich geachtet habe, das mit mir in stummen Dialog trat. Ich war nicht nur gebunden an die Verpflichtung, ich war gebunden an ein kleines Leben, das mir so vertraut war und das mir blind vertraute. Ich war nicht ganz allein. Wir waren zu zweit, für Leere war kaum Platz.

Die Stille ist jetzt um einiges stiller. Die Dunkelheit ist um einiges dunkler. Es fühlt sich nicht mehr nur an, wie eine Sphäre der Ruhe, wie Luft, die man atmet. Wenn ich mich der Stille und der Dunkelheit ergebe, ist es, als würde ich plötzlich umgeben sein von dunklem Wasser. Ich sehe den Grund nicht und nicht die Oberfläche. Ich halte reflexartig die Luft an. Ich weiß, ich kann atmen, aber da ist die Ahnung von Ohnmacht, die mich lähmt.

Ich schalte den Fernseher wieder ein. Nachts lasse ich ganz leise den französischen Sender laufen, damit meine Gedanken nicht so leicht an Worten hängenbleiben. Ich habe mir ein Nachtlicht gekauft, so eins für Kinder, die Angst im Dunkeln haben. Ich habe keine Angst vor Ungeheuern, ich fürchte das Nichts. Es umgibt mich. Vielleicht, wenn ich schlafe, kommt es ganz nah an mich heran und atmet meinen Atem ein. Mein Schlaf ist unruhig. Ich fühle mich wie in winzige Stücke zerteilt und nur durch den inneren Magnetismus lose beisammengehalten. Wenn die innere Schwere auch noch verloren geht, dann zerfalle ich einfach, lautlos, ohne Effekt.

Am Tag ist die Sonne da, das macht mich umso leichter. Wenn der Wind durch mich hindurchgeht, fühle ich die Einsamkeit in meinen Ritzen klappern. Ich verlasse die Wohnung nicht, ich gehe nur in den Garten, um die Pflanzen anzusehen und zu gießen, aber die Pflanzen können auch ohne mich sein. Ich gehe nicht außer Haus, weil ich mich vor dem Zurückkehren fürchte, denn die Leere bleibt und wartet auf mich, empfängt mich mit einem Sprung auf meine Schultern, drückt sich in mein Gesicht, versucht, mich zu Boden zu reißen. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin. Das ist nicht rational, aber nicht ausgeschlossen. Das alles ist völlig neu für mich. An diesem Punkt war ich noch nie. Noch nie war jemand so nah und plötzlich nicht mehr vorhanden. Ich erlebe diese Leere zum ersten Mal. Das bin wirklich nur mehr ich. Ich war noch nie so allein.

( Aus ‚183 Tage‘ )