untitled 65

von blutundkaffee

Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit Clover. Spätnachts stand er, unerwartet, vor meiner Tür, so sahen wir uns zum ersten Mal. Ich bat ihn herein, er betrat meine Wohnung, dankbar, nicht allein sein zu müssen. Seine beste Freundin war verstorben, wenige Stunden war es her, er war nicht dabei gewesen. Wir lagen Seite an Seite im Bett und sahen auf die bunte Lichterkette über uns, wie man auf Wiesen liegt und in den Himmel sieht, und dabei redet man dann über solche Dinge, das Leben und den Tod. Ich wusste: nichts, das ich sagen könnte, würde ihn trösten, also schob ich ihm mutig meine Hand zu und er griff nach ihr. Ich fühlte meine Substanz und seine Verzweiflung. Ich wurde zum Seil, das ihn hielt, und er hielt mich fest. Als er in mich drang, spürte ich deutlich, dass er nur halb anwesend war, die andere Hälfte war ganz woanders, war bei einem toten, kalten Frauenkörper, war selbst halb kalt und unwirklich. Es war das intensivste und seltsamste Empfinden, das ich bisher kannte. Schließlich sah er mich an, hielt kurz inne. Ich glaube, da erst begriff er, was geschah. Die beinahe völlig fremde Frau unter ihm, die fragenden Augen, warme Berührungspunkte. An dieser Stelle verschwimmt meine Erinnerung. Vielleicht, weil dann etwas in einander geflossen war, das Unwirkliche und das Wirkliche, und weil ich unbewusst und nur für wenige Augenblicke verstand, was eine Auflösung von Grenzen bedeutet.

Einige Monate später trennten sich unsere Wege.